Jet Computer Butterfly


Qualitative Gehäuse im Midi-Format sind auf dem Retail-Markt vom Aussterben bedroht. Der Trend hin zum größeren FullSize-Tower wurde losgetreten vom Klassiker Chieftec CS-601 und läuft mit aktuellen Produkten wie dem Thermaltake Shark zur Hochform auf. Während an vorkonfektionierten Computern mit OEM-Midi-Gehäusen meist wenig geschraubt wird, wissen alle Bastler das erhöhte Platzangebot von Chieftec & Co. zu schätzen - ohne gleich zu den riesigen Big-Tower greifen zu müssen.
Die verbliebenen Hersteller von ernst zu nehmenden Chassis im Midi-Format müssen sich also schon ein gehöriges Maß an Qualität und auch Innovation als Messlatte setzen, um diesen ungleichen Kampf gewinnen zu können. Unser heutiger Testproband stellt sich dieser Herausforderung: Der Butterfly.



Ein Dank für die Zusendung geht an unseren Kollegen Rainer Teschke vom deutschen Distributor Jet Computer. Bezogen kann es zum Preis von rund 85 € bei Reichelt Elektronik.




Lieferumfang
An der Verpackung des Butterfly gibt es wie üblich nichts zu bemängeln. Der Lieferumfang selbst fällt aber etwas mager aus: Während man das Fehlen eines jeglichen Gehäuselüfters in diesem preislichen Segment noch akzeptieren könnte, ist eine Installationsanleitung - und sei sie noch so trivial - einfach ein Muss. Wie sich später zeigen wird, hat der Hersteller nicht vollkommen darauf verzichtet; dennoch wäre eine separate, gedruckte Version zu bevorzugen.


Technische Eckdaten


Äußerlichkeiten

Die Front des Butterfly-Gehäuses, welches auch in einer komplett schwarzen Version verfügbar ist, wird dominiert von vier unterschiedlich großen, vertikal gebürsteten Aluminiumplatten. Diese sind mit jeweils vier Imbusschrauben an dem Chassis verschraubt und verleihen dem Tower auf den ersten Blick einen aufgeräumten bis edlen Charakter. Unten rechts befindet sich auf einer schmalen, silbernen Kunststoffleiste Reset-Knopf, HDD- und Power-LED sowie der etwas größere Power-Knopf. Die Knöpfe weisen einen angenehmen Druckpunkt auf; ein Reset ist auch ohne Zuhilfenahme eines Stiftes oder ähnlichem möglich. Natürlich dürfen auch die obligatorischen Front-Anschlüsse nicht fehlen: Der Butterfly beherbergt sogar vier Front-USB-Ports, zwei mehr als üblich. Zwischen diesen finden sich die Firewire-, Mikrofon- und Laustsprecheranschlüsse. Die dezenten Symbole darunter stören das Gesamtbild nicht.


Das Gehäuse bietet Platz für zwei externe 3,5"- und vier 5,25"-Laufwerke. Hier wäre an sich nichts spektakuläres zu erwähnen, hätte der Hersteller für die Laufwerksblenden nicht auf billigstes Plastik zurückgegriffen. Mit ihrer silbergrauen Farbe und ihrer fast spürbaren Minderwertigkeit wird die Optik der ansonsten lobenswert aufgebauten Front auf einen Schlag zerstört. Da hilft es auch nicht, dass zwei der Blenden mit Knopf und Klappe ausgestattet sind, um dahinterliegende Laufwerke zu verstecken.
Die linke wie die rechte Seitenwand sind mit einem Schnellöffner-Griff ausgestattet - wohlgemerkt am oberen Ende der Tür und nicht am hinteren wie meist üblich. Zusätzlich weist die die rechte Seite zwei Luftlöcher im 80mm-Format auf, eins auf Höhe CPU, das andere über den Kartenslots. Zur von der Front suggerierten klaren Optik trägt aber nicht gerade bei, dass man hier zwei verschiedene Lochmuster auswählte.



Aufgrund der 9 kg stabilen Stahls mangelt es dem Butterfly im geschlossenen Zustand nicht an Verwindungssteifigkeit. Insgesamt ist die Vearbeitungsqualität - sieht man von den erwähnten Laufwerksblenden ab - auf einem nicht zu verachtenden Niveau.



Innenleben und Hardwareinstallation

Die Seitentür öffnet sich nach Betätigung des Griffes und einem durchaus kraftaufwendigen Ruck nach unten hin. Und so langsam dämmert, wie Jet Computer zu der Namensgebung des Gehäuses kam. In engeren Umgebungen dürfte das eher von Nachteil sein, für platzverwöhnte Bastler ist diese Methode aber praktisch.
Das Erste, was im Inneren ins Auge sticht, ist die Enforce Bar, eine breite Verstrebung über die gesamte Länge des Gehäuses in Höher der Erweiterungskarten, die der Versteifung aber auch der Aufnahme eines 80 mm-Lüfters zur Beatmung dieser Karten dient. Deshalb befinet sich das untere der beiden Lüfterlöcher in der Seitenwand auch genau über der Bar. Darauf sind zwei Aufkleber angebracht, die die Installation des Lüfters und der Laufwerke samt Illustration dokumentieren. Sicherlich nützlich, aber kein Ersatz für eine anständige Anleitung, zumal man schon über sehr gute Augen verfügen muss, um hier etwas lesen zu können.
Mit einem kleinen Plastikclip kann die Enforce Bar dearretiert werden und um ca. 40° nach außen geschwenkt werden. Der auf der Innenseite angebrachte blaue Lüfterkäfig kann nun abgenommen werden und einfach durch Eindrücken mit einem Lüfter versehen werden. Obwohl natürlich beides möglich ist, wäre eine blasende Montage hier die sinnvollere. An was der Hersteller aber nicht gedacht hat, ist ein Staubfilter: Gerade die kleinen Lüfter von Grafikkarte und Co. verstauben schnell und fallen aus.
Wer diese Verstrebung gar nicht benötigt, kann sie auch durch leichtes Anheben an der Angel rechts ausheben. Die Stabilität leidet nicht darunter.


Neben den sechs externen Laufwerken bietet der Butterfly Platz für fünf Festplatten. Nicht schlecht für einen Midi-Tower, wenn man bedenkt, dass Fullsizer ebenfalls nur fünf bis sechs aufnehmen. Allerdings kann man hier nicht mit einem um 90° gedrehten Festplattenkäfig aufwarten, sondern bringt alle Laufwerke "old-school" längs untereinander an - was für ein ausgesprochenes Bastler-Gehäuse eher unvorteilhaft ist.
Die Installation der Laufwerke (sowohl 5,25" wie HDD) soll sich gleichermaßen einfach und schraublos vollziehen lassen. Die blauen Klammern können durch eine Vierteldrehung des zentralen Riegels gelöst werden und das Laufwerk von vorne (5,25") bzw. hinten (HDD) eingeschoben werden, bis die Schraubgewinde des Laufwerks genau unter einem Loch des Käfigs liegen. Die Pins auf der Innenseite der Klammern werden in die Gewinde gesetzt und das Ganze wieder verriegelt. Während das beim optischen Laufwerk noch gut geht, macht eine unserer Festplatten Probleme: Die im Vergleich zur Maxtor 4 mm höhere Samsung Spinpoint will in keine der Führungen passen; ein Führungswinkel ist im Weg und muss verbogen werden. Dabei gehört die Spinpoint-Serie nicht gerade zu den Exoten.


Leider kann über die Stabilität dieser Konstruktion auch nichts Gutes berichtet werden: Das CD-Laufwerk hat ca. 5 mm Spiel und auch die Festplatten sind nicht zu 100% fixiert. Beides ist inakzeptabel und sollte durch eine manuelle Verschraubung auf der rechten Seite umgangen werden, was freilich den Vorteil der angepriesenen schraubenlosen Montage zu Nichte macht.


{NEUESEITE}
Zur Installation des Mainboards kann die rechte Seitenwand genau so wie die linke nach unten geklappt werden - der "Butterfly-Effekt" entsteht. Das wirklich Besondere ist aber, dass das Tablett zur Aufnahme des Mainboards mit herunter klappt. Dieses Tablett kann ähnlich wie beim Nitro AX durch Lösen von drei Schrauben von der Seitenwand abgenommen werden. Leider handelt es sich nicht um ganz so stabiles Metall wie beim eben genannten Gehäuse, sondern durch etwas dünneres Blech.
Zunächst müssen die Gewindeklammern auf dem Mainboardtablett installiert werden. Jeder, der schon mal damit hantiert hat, weiß, wie minderwertig diese Teile sind. Um so schlechter ist es, dass der Hersteller viel zu wenige Klammern mitgeliefert hat: Zur sachgerechten Installation unseres Abit AN7 liegt bereits eine Klammer zu wenig bei. Von einer Reserve für den Fall eines Verlustes oder eines Defektes ganz zu schweigen.
Die gestanzten Abdeckungen für Kartenslots müssen ausgebrochen werden, können aber leider nicht mehr wiederverwendet, d.h. angeschraubt, werden. Lediglich eine "normale" Slotblende befindet sich im Lieferumfang.



Die Verkabelung fällt aufgrund der geöffneten rechten Seite und nicht zuletzt wegen der vorbildlich ummantelten und mit Schrumpfschläuchen versehenen Kabeln für die Frontanschlüsse zugegebenermaßen sehr leichtgängig aus. Doch auch hier kann das Butterfly nicht vollständig glänzen: Erstens sind die Kabelstränge nicht eindeutig gekennzeichnet (und auch der beiliegende Zettel klärt den Anwender nicht auf, welches Kabel welchen Zweck hat) und zweitens muss jeder Pin einzeln aufgesteckt werden; inzwischen arrangieren aber alle Mainboard-Produzenten ihre Onboard-USB-Anschlüsse identisch.
Das nächste Problem: Mit einem handelsüblichen IDE-Flachbandkabel kann bei geöffneter Seitentür das optische Laufwerk im obersten Schacht nicht verkabelt werden, dabei liegen die IDE-Anschlüsse beim AN7 recht günstig unten links. Lägen sie wie gewöhnlich im mittleren oder oberen Bereich ginge dies erst recht nicht. Daraus folgt: Ein Teil der Verkabelung kann nicht im sonst vorteilhaften, aufgeklappten Zustand durchgeführt werden. Hier müsste man schon zu extralangen (90 cm) Retail-Kabeln greifen (sprich: hinzukaufen), um dies zu ermöglichen.
Das Netzteil kann dank zweier Auflageflächen problemlos mit nur zwei Händen installiert werden, ohne dass es herunterfällt. Für das ATX-Kabel gilt das gleiche wie für das IDE-Kabel.


Beim Schließen der rechten Seitenwand schleift unser MCX-V-Kühler von Swiftech, der mit einem 92 mm-Lüfter bestückt ist, nur hauchdünn unter der Verstrebung am oberen Ende durch. Besitzer von Kühlern im Tower-Design könnten hier massive Probleme bekommen, insbesondere dann, wenn sie ein Mainboard besitzen, bei dem der CPU-Sockel an der oberen Kante sitzt - und schon wieder wäre der Vorteil der Butterfly-Konstruktion dahin.


Neben dem Lüfter in der Enforce-Bar bietet das Gehäuse von Jet Computer Platz für einen weiteren 80 mm-Ventilator hinten und eine 120 mm-Vorrichtung vorne, die aber auch Bohrungen zur Aufnahme eines dritten 80 mm-Modells aufweisen. Dabei bläst der vordere Lüfter einströmende Luft über die gesamte Oberfläche der Festplatten und sorgt für die Beatmung des gesamten Gehäuses - ein Vorteil des nicht-gedrehten HDD-Käfigs.
Nicht zu vergessen ist der Lufttunnel ("Airduct"), der etwa über dem CPU-Kühler sitzt und mithilfe eines Gewindes um ca. 2 cm nach innen verlängert werden kann.
Bevor nun auch die linke Seitenwand wieder geschlossen wird müssen die restlichen Kabel verlegt werden und die Enforce Bar wieder eingehakt werden. Welchen Zweck die ausfahrbaren Abstandhalter in der Verstrebung haben, bleibt mangels einer Anleitung offen.




Praxisverhalten

Zunächst zur Bedienung: Die blaue Power- und die grüne HDD-LED passen gut zur Alu-Optik der Front. Die Knöpfe weisen einen sehr angenehmen Druckpunkt auf; der Power-Button angenehm groß, der Reset-Schalter zwar ohne Hilfsmittel zu erreichen, aufgrund des merklich tieferen Druckpunktes aber kaum versehentlich zu betätigen. Die Positionierung im unteren Bereich ist bei einer Aufstellung des Gehäuses auf dem Schreibtisch optimal, steht es auf dem Boden sind sie etwas müßig zu erreichen.
Die Front-Anschlüsse bereiten wie zu erwarten war keinerlei Probleme. Wie Messungen mit dem Tool HDTach ergaben, hat die Verwendung dieser Anschlüsse auch keinen Einfluss auf die Lese- und Schreibgeschwindigkeit im Vergleich zu den USB-Ports auf der Rückseite des Mainboards.

Leider stellte sich im Einsatz auch schnell fest, dass die Plastikblenden für die Laufwerke nicht nur ein optisches Malheur sind, sondern auch ein technisches: Unser in keinster Weise extravagantes ASUS CD-ROM-Laufwerk konnte mithilfe der vorgestellten blauen Schnellhalterungen nicht so installiert werden, dass der Knopf der Frontblende nicht ständig den Knopf des Laufwerks betätigt. Stattdessen musste das Laufwerk weiter nach hinten geschoben werden und dann mit einer üblichen Schraube fixiert werden. Zu allem Unglück hinzu kommt, dass die Laufwerksschublade des Öfteren ohne Hilfe auch nicht mehr vollständig eingezogen werden konnte, da sie sich mit der Klappe der Blende verhakte. Da so ein effektives Arbeiten unmöglich ist, bleibt einem gar nichts Anderes übrig, als gänzlich auf diese Blenden zu verzichten. Und unhübscher als diese können "freiliegende" Laufwerke auch nicht sein.


Die Dämmeigenschaften des Butterfly sind aufgrund der Stahlkonstruktion doch überraschend gut. Festplattezugriffe werden weitaus effektiver gedämmt als bei Aluminiumgehäusen, und das, obwohl der Hersteller hier gar keine Anstalten macht, eine Dämmung bzw. Dämpfung zu erwirken.
Bedeutend unangenehmer fällt die Geräuschcharakteristik der Enforce Bar aus: Durch die Luftverwirbelung an der Gitterstruktur in der Gehäuseseite nimmt die Lautstärke eines dort installierten 80 mm-Lüfters im Vergleich zum offenen Zustand beim Schließen deutlich hörbar zu. Wer also nicht zwingend auf diese Zusatzbelüftung angewiesen ist - wer ist das schon? - sollte also auf die Anbringung der Enforce Bar verzichten. Was sicherlich auch der Staubentwicklung zu Gute kommt - denn leider verzichtet Jet Computer hier völlig, auch beim 120 mm-Lufteinlass, auf Staubfilter.

Es bleibt die eigentliche Idee bei der Butterfly-Konstruktion: Das Öffnen der rechten Seitenwand nach dem Einbau der Komponenten und das Arbeiten daran. Insofern der Kühler nicht wie oben beschrieben an der oberen Verstrebung hängen bleibt, funktioniert das auch. Es müssen allerdings IDE-Kabel und ATX-Stromkabel vom Mainboard gelöst werden, um die Tür vollständig (um 90°) zu öffnen. Dann kommt komfortabel an alle Ecken des Mainboards und muss dazu nicht einmal die Kabel auf der Rückseite entfernen.


Pro
Kontra
+ Sauber vearbeitete Frontpartie
+ Zusätzliche Kühlung der Erweiterungskarten möglich
+ Sauber ummantelte Frontanschlusskabel
+ Gute Dämpfungseigenschaften

- Keine Gehäuselüfter im Lieferumfang
- Kein Handbuch oder Installationsanleitung
- Billige Plastik-Frontblenden
- Halteklammern für Laufwerke fixieren nicht
- Festplattekäfig nimmt ohne "Handarbeit" nicht alle HDDs auf
- Ein Teil der Montage ist nur mit geschlossener rechter Seite möglich
- Inkompatiblität mit sehr hohen Kühlern
- Mainboardverschraubung mittels billigen Klemmgewinden
- Frontblenden inkompatibel zu diversen Laufwerken
- Relativ hoher Preis


Fazit

Wir können leider kein gutes Haar an dem Butterfly-Gehäuse lassen. Die Idee, ein technisch konkurrenzfähiges Midi-Gehäuse zu entwickeln ist zwar sehr löblich, die Ausführung - so muss es leider gesagt werden - stimmt aber vorne und hinten nicht: Die Mischung von Materialien wie hochwertiges Aluminium und billigstes Plastik geht nie gut. Und ebenso wenig zu Ende gedacht ist die Butterfly-Konstruktion, also das Herunterklappen der rechten Seitetür samt Mainboard-Tray. Einige Kabel können so nicht verlegt und die Kühler-Inkompatibilitätsliste wird lang werden. Die Auswahl der technischen Details im Inneren (Mainboard-Verschraubung, Laufwerksfixierung...) ging kräftig daneben. Keine der "Raffinessen" der Gehäuse sind für den Kauf irgendwie von Relevanz.
Würden wir hier von einem Gehäuse reden, dass der anspruchslose Büroausstatter für 40 Euro erstehen kann, hätte das Butterfly vielleicht eine Daseinsberechtigung. Zum stolzen Kaufpreis von 85 Euro bekommt man allerdings schon ein in jeder Hinsicht überlegenen Fullsizer. Und selbst wer lieber im Midi-Format bleiben will: Die neue Chieftec Serie-H wurde bereits veröffentlicht.
So muss letztlich gesagt werden: Wir müssen von einem Kauf abraten - in keinem erdenklichen Szenrio macht der Butterfly glücklich.


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